Nov. 24, 2022

Schreien und Aggressionen bei Demenz: Was tun bei herausforderndem Verhalten?

Demenzerkrankte entwickeln oft unverständliche und herausfordernde Verhaltensweisen wie z.B. lautes Schreien oder zunehmende Aggressionen. Doch wie kann diesem Verhalten vorgebeugt werden? Und wie verhält man sich als Angehöriger oder Betreuungskraft passend?

Definition: Was sind herausfordernde Verhaltensweisen bei Demenz?

Im Zusammenhang mit Demenz treten immer wieder Verhaltensweisen auf, die belastend sind für die Angehörigen oder Betreuungskräfte im Rahmen der sogenannten 24-Stunden Pflege. Zu diesen Verhaltensweisen zählen zum Beispiel das Verlegen bzw. Verstecken von Gegenständen, Hin- und Weglaufen, nächtliche Unruhe, lautes Schreien, Aggressionen, Teilnahmslosigkeit oder anhängliches Verhalten.

Wie entsteht herausforderndes Verhalten bei Demenz?

Auf Grundlage der Konzepte von Naomi Feil und Tom Kitwood ist nahezu jede Verhaltensweise einer demenzerkrankten Person aus ihrer Biografie oder der aktuellen Lebenssituation erklärbar. Häufig liegen dem herausfordernden Verhalten nicht befriedigte Grundbedürfnisse oder nicht verarbeitete vergangene Ereignisse zugrunde. Negative Gefühle wie Wut und Trauer, die aus Belastungen und Herausforderungen, aus dem vergangenen Leben und der jetzigen Lebenssituation entstanden sind und nicht ausgelebt wurden, können lange unterdrückt werden. Im Rahmen einer Demenz ist ein Verdrängen aber nicht mehr möglich. Wut, Trauer und Ängste kommen jetzt möglicherweise zum Vorschein, ohne dass für Außenstehende ein erkennbarer Zusammenhang mit der jetzigen Lebenssituation besteht.

Um den Betroffenen zu verstehen, bedarf es viel Empathie und Geduld. Liebevolle und zugewandte Pflege kann Verluste durch Alter und Krankheit oder traumatische Erlebnisse zwar nicht ungeschehen machen, kann aber dazu führen, dass belastende Symptome für die an Demenz erkrankte Person und für ihr Umfeld erträglicher werden und eine höhere Lebensqualität erreicht werden kann.

Aufgepasst! Herausforderndes Verhalten kann auch ausgelöst werden durch körperliche Beschwerden wie beispielsweise:

  • Schmerzen
  • Hunger oder Durst
  • Frieren
  • Ein (stumm verlaufender) Harnwegsinfekt
  • Einschränkungen der Sinnesorgane wie bspw. Schwerhörigkeit, nachlassendes Augenlicht. Auch fehlende oder schlecht sitzende Hilfsmittel wie (Brille, Hörgeräte) können Auslöser sein.
  • Kribbeln in den Beinen (Restless Legs Syndrom)

Welche Grundbedürfnisse sollten erfüllt sein, um herausforderndem Verhalten vorzubeugen?

Körperliche Grundbedürfnisse:

  • Essen und Trinken
  • Schlafen
  • Wohnen/Kleiden
  • Schmerzfreiheit
  • Bewegung
  • Gepflegt sein
  • Wärme

Psychische und soziale Grundbedürfnisse nach Tom Kitwood:

  • Ausgewogenes Verhältnis von Ruhe und Aktivität
  • Wertschätzung erfahren
  • Sinnvolle Beschäftigung
  • Selbstbestimmung und Selbstkontrolle
  • Trost
  • Identität (das heißt als das Individuum gesehen zu werden)
  • Bindung zu anderen Menschen
  • Einbezogen sein in ein soziales Gefüge
  • Liebe

Werden diese Bedürfnisse nicht oder nur unzureichend befriedigt, kann herausforderndes Verhalten ausgelöst oder begünstigt werden.

Beispiele von herausforderndem Verhalten

Schreien bei Demenz

Laute, herzzerreißende, plötzliche Schreie können für Angehörige oder Betreuungskräfte erschreckend und einschüchternd wirken. Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz ist Schreien jedoch oft als Begleiterscheinung zu beobachten. Doch wie reagiert man als pflegender Angehöriger richtig?
Schreien ist für den Demenzerkrankten meist die einzige Möglichkeit, um sich seinem Umfeld mitzuteilen. Wenn es Betroffenen nicht mehr möglich ist sich verbal zu äußern, fallen sie in kindliche Muster zurück. Die Schreie sind Hilfeschreie nach Zuwendung und Umsorgung. Daher ist es wichtig nicht aus Angst zurückzuschrecken, sondern den Demenzkranken Nähe zu schenken. Körperliche Berührungen wie Streicheln, Liebkosungen und sanftes Zusprechen können beruhigend wirken. Eine Spezialschaukel oder Hängematte – sofern vorhanden – kann hier ebenfalls gute Dienste leisten. Dabei soll individuell auf den Betroffenen eingegangen werden und auf dessen Wünsche und Ansprüche nachvollzogen werden.

Aggressionen bei Demenz

Definition: Wie äußern sich Aggressionen bei Demenz?

Bei etwa 50 Prozent aller Demenzerkrankungen treten aggressive Verhaltensweisen als Begleiterscheinung auf. Durch veränderte Gehirnregionen kann es zu einer Einschränkung der Impulskontrolle kommen. Stressfaktoren, die zu Aggressivität führen, sind eine veränderte Wohnumgebung, störende Geräusche oder eine respektlose und gestresste Umgangsweise mit dem Betroffenen. Von außen betrachtet kann der Demenzkranke einen starken Persönlichkeitswandel durchleben und trotz ruhigem und ausgelassenem Charakter durch die Demenz die innere Ruhe verlieren. Wutausbrüche, Handgreiflichkeiten oder sexuelle Enthemmung sind für Angehörige herausfordernd und schwer nachzuvollziehen.

Können Aggressionen ein Anzeichen für beginnende Demenz sein?

Wenn eine ältere Person beginnt, Sachen zu vergessen, liegt eine Demenz nahe. Aber auch Aggressionen können einen Hinweis auf eine Demenzerkrankung liefern. Jedoch ist aggressives Verhalten im Alter kein zwingendes Indiz für eine beginnende Demenzerkrankung. Es kann eine Altersdepression vorliegen, die häufig nicht erkannt wird. Daher sollten Sie sich eine Diagnose eines Facharztes einholen, um über die weiteren Schritte zu entscheiden.

In welcher Krankheitsphase tritt agressives Verhalten auf?

Der Verlauf einer Demenz lässt sich in drei Stufen unterteilen. Bei einer leichten Demenz zeichnen sich Einschränkungen im Alltag ab, wie das Vergessen von Gegenständen oder Orientierungsstörungen. Bei einer mittelschweren Demenz ist eine selbstständige Lebensführung nicht mehr möglich und oft kommen die Aggressionen als Begleiterscheinung dazu. Eine schwere Demenz führt häufig zum Verlust von Sprache und Beweglichkeit. Die Erkrankung verläuft nicht immer nach diesen drei Stufen ab und bei einigen Betroffenen treten keine Aggressionen auf. Generell lässt sich aber beobachten, dass Aggressionen häufig bei mittelschweren und schweren Demenzen auftreten, da die betroffenen Hirnregionen sich abbauen und verändern.

Typische Situationen und mögliche Lösungen bei agressivem Verhalten

Oft treffen die Aggressionen die Angehörigen, da sie die meiste Zeit mit dem Betroffenen verbringen. Als Angehöriger ist es wichtig, sich emotional von dem aggressiven Verhalten zu distanzieren. Nur so kann die Situation deeskaliert werden. Eine typische Konfliktsituation, die zu aggressivem Verhalten führt, ist das Gefühl, unnütz vorzukommen. Daher entwickeln viele Demenzkranke den Drang, das Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Auch wenn sie schon seit 20 Jahren nicht mehr arbeiten, ist das alte Muster so stark im Gehirn verankert, dass ihnen die alt bewährten Strukturen Sicherheit und eine Aufgabe verleihen. In dieser Situation kommt es regelmäßig zu Konflikten, da Unverständnis für die Situation den Selbstwert des Betroffenen mindert. Daher sollte dem Konflikt vorgebeugt werden, indem ein strukturierter Tag mit ausreichend Aktivitäten geschafft wird. Feste Tagesstrukturen und ausreichend Auslastung verhindern Langeweile und Aggressivität.
Weiteres Konfliktpotential besteht beim Thema Essen. Für viele ältere Menschen ist das Essen ein Highlight des Tages. Sollte das Essen nun nicht schmecken oder den Vorstellungen nicht entsprechen, kann es schnell zu Frustration kommen. Sind Sie verständnisvoll und gehen auf den Geschmack des Demenzkranken ein. Versprechen Sie dem Demenzkranken, am nächsten Tag sein Lieblingsgericht zu kochen oder gemeinsam zu entscheiden, auf was er oder sie Lust hat. Im fortgeschrittenen Stadium von Demenz kann Fingerfood helfen Frustration bei der Benutzung von Besteck vorzubeugen.

Tipps für den Umgang mit herausfordendem Verhalten

Wenn eine Konfliktsituation eintritt, atmen Sie tief durch und versuchen Sie nicht aus Reflex zu handeln, sondern die Situation in Ruhe zu analysieren. Eine ruhige Grundhaltung ist wichtig für alle weiteren Schritte zur Deeskalation. Sprechen Sie langsam, deutlich und ruhig. Bei aggressivem Verhalten wird der Inhalt der Aussage oft nicht wahrgenommen, aber eine tiefe Stimmlage kann beruhigend wirken. Sollte sich die Situation nicht beruhigen, verlassen Sie die Situation. Verabschieden Sie sich höflich und sichern Sie zu, dass Sie gleich wiederkommen. Bei Demenz kann das Verlassen des Zimmers dazu führen, dass der Betroffene sich nicht mehr an den Streit erinnert. Sie können klare Gedanken fassen und unvoreingenommen zurückkommen.

Demenz ist eine Erkrankung und aggressives Verhalten ist ein Krankheitssymptom. Nehmen Sie das Verhalten nicht persönlich und versuchen Sie, mental Abstand zu gewinnen. Trennen Sie im Kopf die Erkrankung von der eigentlichen Person und verlieren Sie nicht den Bezug zum Betroffenen. Mit Wertschätzung und Körperkontakt kann die Situation beruhigt werden. Hier ist es wichtig, auf die Angemessenheit zu achten und nicht übergriffig zu handeln. Fassen Sie Betroffene nicht am Kopf an. Das kann schnell als Eingriff in die Privatsphäre interpretiert werden. Setzen Sie sich in die Situation des Demenzkranken hinein. Versuchen Sie, seine Lebensrealität zu verstehen und nehmen Sie dessen Probleme ernst.

Danach hilft es, die Ursachen für die Aggressionen oder das Schreien nachzuvollziehen. Ist der Senior gelangweilt? Hat er Schmerzen? Ist er hungrig oder durstig? Geht es ihm psychisch nicht gut? Durch das Vermeiden der Auslöser können Sie zukünftige Ausbrüche verhindern. Mit Fortschreiten der dementiellen Erkrankung rückt nonverbale Kommunikation immer mehr in den Vordergrund. Achten Sie auf die Körpersprache der demenzerkrankten Person. Das Deuten auf einen Gegenstand kann darauf hinweisen, dass der Betroffene Angst davor hat oder frustriert ist, dass er diesen nicht greifen kann. Teilweise kann die Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild verwirren, da viele Betroffene sich im Spiegelbild für eine dritte Person halten und Angst entwickeln. Hier heißt es ruhig bleiben und gegebenenfalls Stressfaktoren wie Spiegel beseitigen.

Hilft es nicht, die Person mit besänftigenden Worten zu beruhigen, ist Ablenkung mit anderen Aktivitäten für die Senioren hilfreich. Ob ein Spaziergang, einen Kaffee trinken, Musik hören, etwas vorlesen oder gemeinsam in den Garten gehen: jede Beschäftigung lenkt ab und lässt die Frustration schnell verfliegen. Wenn der Senior plötzlich beginnt zu weinen oder zu schreien, sollten wir uns vergewissern, dass er nicht Hunger und Durst hat oder er zur Toilette muss. Es ist es wichtig, dass Sie sich in die Lage des Demenzkranken versetzen und ihm jederzeit behilflich sind, auch wenn es manchmal schwierig ist. Sprechen Sie über Ihre Belastung mit anderen Familienangehörigen, Beratungsstellen oder anderen Betroffenen. Aggressives Verhalten kann langfristig sehr belastend sein und ihre mentale Stabilität ist entscheidend für den Krankheitsverlauf des Demenzkranken.

Ein Überblick: richtige Verhaltensweisen im Umgang mit Demenzkranken

Richtige Verhaltensweisen im Umgang mit Demenzkranken Problematische Verhaltensweisen im Umgang mit Demenzkranken
Bleiben Sie gelassen und verständnisvoll, wenn aggressives Verhalten auftritt Zurückschreien oder Unverständnis erreicht nur eine Zuspitzung des Konflikts
Sprechen Sie beruhigend und langsam auf den Demenzkranken ein, wenn dieser Sie gegen ihren Willen festhält Losreißen oder gewaltsames Festhalten des Demenzkranken führt zu einer Verstärkung der Aggressionen
Zeigen Sie keine Angst, sondern treten Sie selbstbewusst und bestimmt auf Aus Angst den Betroffenen nicht mehr zu besuchen oder Körperkontakt zu meiden, kann den Verlauf der Erkrankung verschlimmern
Verstehen Sie die Aggressionen nicht als persönlichen Angriff Eine emotionale Distanzierung, da Sie sich angegriffen fühlen kann zu Einsamkeit und verstärkten Aggressionen führen
Genügend Aktivität und Beschäftigung sorgt für mehr Ausgleich und innere Ruhe Aus Angst vor neuen Konfliktsituationen sollten Sie nicht aufhören gemeinsam Aktivitäten zu unternehmen
Nehmen Sie die Probleme des Demenzkranken ernst und versuchen Sie eine konstruktive Lösung zu finden Lange Diskussionen und Kritik vermindern das Selbstwertgefühl
Ergründen Sie die Ursachen der Aggressionen und versuchen Sie diese zu vermeiden Bestrafen Sie die Person nicht für ihr Verhalten

Medikamente

Sofern keine andere Option mehr bleibt und das Schreien und die Aggressionen nicht aufhören, können Sedativa und Antidepressiva verschrieben werden. Häufig verschriebene Medikamente bei Aggressionen sind Neuroleptika wie Risperidon und Haloperidol. Sie helfen auch gegen Wahnvorstellungen. Die Verschreibung sollte möglichst durch einen Facharzt erfolgen. Medikamente werden vom Arzt auch abhängig von der Art der Demenz verordnet.

Versorgung in einem Pflegeheim

Wenn sowohl Sie als auch eine Betreuungskraft nicht in der Lage ist, mit den herausfordernden Verhaltensweisen des Demenzkranken umzugehen, ist die Unterbringung in einem Pflegeheim die einzige Lösung. Dort kümmert sich geschultes Pflegepersonal Tag und Nacht um den Betroffenen und kann eine bessere Versorgung gewährleisten. Um den Demenzerkrankten von der Unterbringung im Pflegeheim zu überzeugen, muss die Dringlichkeit der Situationen ausreichend kommuniziert werden. Falls möglich, sollte die Entscheidung gemeinsam mit dem Demenzkranken getroffen werden. Wohlfühlen im zukünftigen Zuhause ist eine relevante Grundvoraussetzung, um der Verschlechterung der Krankheit vorzubeugen. Nicht nur das psychische Wohl des Betroffenen ist wichtig, sondern auch Sie müssen vor Überlastung geschützt werden. Eine Unterbringung im Pflegeheim bedeutet nicht, dass Sie das Familienmitglied weniger gern haben oder wertschätzen. Hier gilt: eine gute Kommunikation über die Bedürfnisse der Familienmitglieder und des Betroffenen ist entscheidend!

Interview: Agressionen vorbeugen und Ursachen ergründen

Im Gespräch mit der gerontopsychiatrischen Fachkraft Maria Liehr haben wir Tipps gesammelt, wie Sie aggressivem Verhalten vorbeugen können.

Frau Liehr, Sie als Expertin für Demenz und Pflege, was würden Sie raten, wenn aggressives Verhalten auftritt?

Maria Liehr: Im fachlichen Kontext sprechen wir ungern von aggressiven, sondern eben eher von herausforderndem Verhalten. Wir gehen davon aus, dass jedes Verhalten des Menschen mit Demenz für ihn sinnvoll ist und er etwas damit erreichen will. Er fordert sein Umfeld heraus, ihm bei der Bewältigung seines Problems zu helfen.

Wir arbeiten mit der Hypothese, dass sich in sogenannten aggressivem Verhalten, meist über Jahre angestaute Emotionen kanalisieren. Wut, Enttäuschung und Trauer, die früher nie gezeigt werden konnten und unterdrückt wurden, oft um gesellschaftlich nicht anzuecken, kommen jetzt zum Vorschein. Oft lassen sich mögliche Zusammenhänge im familiären und partnerschaftlichen Umfeld erkennen, wenn man das Gespräch über biografische Aspekte der betroffenen Person mit Angehörigen sucht.

Naomi Feil, die Begründerin der Validation schreibt, dass der Mensch danach strebt, in Frieden zu sterben. Die letzten Jahre seines Lebens beschäftigt er sich mit der Aufarbeitung seines Lebens. Dazu gehört auch, dass ungelebte Emotionen und Gefühle an die Oberfläche kommen und jetzt durchlebt werden müssen. Dahinter steht oft nicht verarbeitetes Leid. Hier findet sich oftmals die Antwort nach dem Sinn des auf den Außenstehenden oft völlig unverständlichen Verhaltens.

Dies beantwortet zwar nicht die Frage, wie ich damit umgehe, aber es gibt Angehörigen und betreuenden Personen unter Umständen eine neue Perspektive und lässt sie mehr Abstand von der Situation gewinnen. Vor allem die Erkenntnis, dass sich die Aggression nicht ursächlich gegen sie wendet, sondern der Mensch mit Demenz versucht, seine ungelösten Themen zu bearbeiten, kann Entspannung bringen. Entspannt sich das Gegenüber, kann sich auch der Mensch mit Demenz etwas entspannen.

Dazu muss ich sagen, dass dies nicht einfach ist und der betreuenden Person viel Einfühlungsvermögen und Geduld abverlangt. Allerdings verstehen wir eine sogenannte personzentrierte Haltung, also das grundsätzliche Einlassen darauf, die Welt mit den Augen des Menschen mit Demenz zu sehen als wichtigstes Werkzeug in der Begegnung mit herausforderndem Verhalten.

Ich kann das an einem kleinen Beispiel erklären:

Ehepaar Maier wohnt im eigenen Haus und beide sind um die 90 Jahre alt. Frau Maier ist seit Jahren an Demenz erkrankt und zeigt zunehmend problematische Verhaltensweisen. Alles, was ihr Mann sagt, lehnt sie ab, will sich nicht waschen, lehnt jede Hilfe ab, vergisst und verlegt vieles und gibt dann ihrem Mann oder den Kindern die Schuld. Die Kinder sagen: "Sie ist richtig böse geworden und war dabei früher nie so”. Wenn Gäste kommen erzählt Frau Maier, dass sie alles selbst erledigt, obwohl sie weder sich noch den Haushalt versorgen kann. Wird sie mit der Realität konfrontiert, wird sie sehr zornig.

Beim Blick in die Biografie zeigt sich, dass sie jung geheiratet hat, ihren Traumberuf der Krankenschwester nicht erlernen konnte und dann aber die “perfekte” Hausfrau und Mutter war. Sie war diejenige, die im Hintergrund agiert hat und den Haushalt und die Kinder versorgt hat. Ihr Mann hat relevante Entscheidungen getroffen, konnte sich in der Arbeit verwirklichen, war das Familienoberhaupt und derjenige, der tonangebend und manchmal dominant war. Sie war die Frau an seiner Seite und hat sich selbstverständlich nach seinen Wünschen gerichtet. Sie hat sich nie (offen) beklagt. Ihre Bedürfnisse nach Anerkennung, Bestätigung, Erlernen und Ausüben eines Berufs etc. konnten nicht erfüllt werden. Zudem hat ihr Mann keine “Selbstverwirklichung” ihrerseits zugelassen.

Hier wäre die Hypothese, dass ihr unfreiwilliges jahrelanges Zurückstecken für die Familie eine tiefe Enttäuschung und Wut bei ihr hinterlassen hat. Sie konnte ihren eigenen Bedürfnissen nie Raum geben und jetzt, wo die rationalen Anteile des Gehirns durch die Demenzerkrankung in den Hintergrund treten und diese Enttäuschung und Wut nicht mehr unterdrücken können, kommen diese ungeliebten negativen Emotionen zum Vorschein. Sie ist zornig und böse und niemand um sie versteht warum. Herr Maier erkennt seine Frau nicht wieder. Er sagt: “Wir waren immer so glücklich und sie war zufrieden mit unserem Leben.”

Neben diesen grundsätzlichen Zusammenhängen, kann herausforderndes Verhalten natürlich auch noch andere Auslöser haben oder begünstigt werden.

Welche anderen Faktoren können Aggressionen bei Demenz noch auslösen?

Maria Liehr: Neben den oben erwähnten Aspekten gibt es auch noch naheliegendere Auslöser für sogenanntes aggressives Verhalten. Wir müssen bedenken, dass sich Menschen mit Demenz gerade im Anfangsstadium ihrer Defizite bewusst sind. Die Konfrontation mit dem eigenen “Versagen” und “verrückt werden” kann extreme Angst und Unsicherheit erzeugen. Diese kann sich in “ungehalten sein” und bösen Worten zeigen. Hier kann es helfen sich in die Lage des Betroffenen zu versetzen. Wie würde es mir gehen, wenn ich plötzlich nicht mehr weiß wo der Bäcker ist, meinen Geldbeutel ständig verliere und die Waschmaschine nicht mehr bedienen kann?

Oft wird sogenanntes aggressives Verhalten getriggert, indem Angehörige oder sonstige Betreuungspersonen an den rationalen Verstand und das Gedächtnis des Menschen mit Demenz appellieren. Formulierungen wie “Ich habe dir doch gesagt'' und “du weißt doch” können noch größere Wut auslösen, weil der Betroffene eben nichts mehr weiß. Das Kurzzeitgedächtnis ist durch die Demenzerkrankung zerstört. Fragen, die das Gedächtnis trainieren sollen, können in bestimmten Situationen eher kontraproduktiv sein.

Hier ist es enorm hilfreich, den Menschen mit Demenz nicht mit seinen Defiziten zu konfrontieren und ihn mit Tätigkeiten zu beschäftigen, die er gut kann und die zudem positive Emotionen hervorrufen. Dies kann durchaus z.B. für Frau Maier Hausarbeit sein. Sie kann mit Sicherheit mit etwas Anleitung die Wäsche aufhängen, aber sie kann die Waschmaschine nicht mehr bedienen. Das sollte stillschweigend jemand anderes tun.

Herausfordernde Verhaltensweisen werden durch körperliche Ursachen getriggert oder verstärkt. Dazu gehören: Schmerzen, kribbelnde Beine, unerkannte Harnwegsinfekte, die eine akute Verwirrung mit sich bringen können, Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten und zu wenig Flüssigkeits- und/oder Nahrungsaufnahme. Auch ständiges Frieren, was bei Senioren häufig ist, sollte vermieden werden.

Chronische körperliche Erkrankungen, die im Alter häufig zusätzlich zu einer Demenz auftreten, beeinträchtigen die Frustrationstoleranz stark. Eingeschränkte Beweglichkeit und damit Abnahme der Selbstständigkeit sowie schlechtes Hören und Sehen können dazu führen, dass sich der Mensch zusätzlich ausgeschlossen und übergangen fühlt. Hier hilft es, dafür zu sorgen, dass Defizite dieser Art möglichst gut kompensiert bzw. berücksichtigt werden. Passende Brillen, funktionierende Hörgeräte und angepasste Gehhilfen sind hier wichtig. Körperliches Training und Bewegung an der frischen Luft sowie Sonnenlicht haben nachgewiesenermaßen in jedem Alter einen positiven Einfluss auf die Stimmung.

Was kann zur Entspannung des Demenzkranken beitragen?

Maria Liehr: Um dem Menschen mit Demenz zu ermöglichen, sein Leben “in Frieden” zu Ende zu bringen, wie es Naomi Feil formuliert, braucht es häufig vielfältige und individuelle Maßnahmen. Es gibt nach meiner Erfahrung keine Patentlösungen und was bei der einen Person gut funktioniert, führt bei der nächsten Person zum genauen Gegenteil.

Je nach individueller Situation würde ich folgende Dinge abklären und ausprobieren:

  • Lassen sich in der Biografie grundlegende Erklärungsmuster finden und kann die neue Sichtweise den Betreuenden helfen, vermeintlich aggressives Verhalten nicht persönlich zu nehmen? Wird dabei versucht, das Verhalten des Betroffenen aus seiner Sicht zu verstehen?
  • Ist allen an der Versorgung Beteiligten bewusst, dass Appelle und Ermahnungen, die sich an das Gedächtnis des Menschen mit Demenz richten, eher das Gegenteil bewirken?
  • Herrscht im Alltag des Menschen mit Demenz eine wertschätzende, entspannte Atmosphäre und ein liebevoller Umgangston vor?
  • Kann der Betroffene eine sinnvolle Beschäftigung, Verständnis, Trost, und das Gefühl anerkannt und “zugehörig sein” finden? Das heißt konkret, wird er als vollständige Person, so wie er ist, angenommen? Hat er positive Erlebnisse? Wird an positive Erinnerungen, Erlebnisse und Aktivitäten angeknüpft? Wird der Fokus auf das, was er (noch) kann und das, was er jetzt ist, gelegt? Oder stehen hauptsächlich seine Defizite im Fokus?
  • Wird er in Familienfeiern, gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Hausarbeit usw. wie selbstverständlich einbezogen und bekommt er dafür auch entsprechende Wertschätzung?
  • Findet täglich Bewegung möglichst an der frischen Luft statt?
  • Werden körperliche Defizite möglichst gut behandelt und kompensiert?
  • Wird eine Reizüberflutung, z.B. durch ständiges Fernsehen, Radio etc. vermieden?

Zu guter Letzt ist es mir wichtig zu sagen, dass trotz allen Bemühungen der Angehörigen herausforderndes Verhalten von Menschen mit Demenz nicht komplett vermieden werden kann. Auch stehen nicht immer die nötigen Ressourcen, die notwendig wären, zur Verfügung. Hier würde ich mich nicht scheuen, zur Verbesserung der Situation eine medikamentöse Therapie mit dem Arzt, vorzugsweise einem Facharzt, in Erwägung zu ziehen. Wichtig ist zu akzeptieren, dass gerade pflegende Angehörige häufig unter großem Druck stehen und die Situation für alle Beteiligten bestmöglich gestaltet werden sollte.

Vielen Dank Frau Liehr für Ihre fachkundigen Tipps. Wenn Sie noch mehr über den Umgang mit Demenz erfahren möchten, können Sie unsere Artikel über Kommunikation bei Demenz, Schlaf und Demenz oder die verschiedenen Arten von Demenz lesen.

FAQs - Häufige gestellte Fragen

Was ist herausforderndes Verhalten bei Demenzerkrankten?

Zu herausfordernden Verhaltensweisen bei Demenz zählen zum Beispiel das Hin- und Weglaufen, nächtliche Unruhe, lautes Schreien, Aggressionen, Teilnahmslosigkeit, anhängliches Verhalten und manchmal das Verlegen bzw. Verstecken von Gegenständen. Für Angehörige kann das herausfordernde Verhalten sehr belastend sein und zu Überlastung führen.

Wie entsteht herausforderndes Verhalten bei Demenz?

Häufig liegen dem herausfordernden Verhalten nicht befriedigte Grundbedürfnisse oder nicht verarbeitete vergangene Ereignisse zugrunde. Belastende Situationen aus der Vergangenheit wurden verdrängt und gelangen dann im Rahmen der Demenzerkrankung ins Bewusstsein. Aber auch durch fehlende Grundbedürfnisse wie Schlaf, Schmerzfreiheit, Trinken und Essen kann aggressives Verhalten ausgelöst werden.


Was tun gegen aggressives Verhalten bei Demenz?

Bleiben Sie gelassen und verständnisvoll und sprechen Sie langsam und deutlich mit dem Demenzkranken. Zeigen Sie keine Angst, sondern treten Sie selbstbewusst auf. Nehmen Sie die Probleme des Demenzkranken ernst und nehmen Sie das aggressive Verhalten nicht als Angriff wahr. Wenn die Situation trotzdem weiter eskaliert, verlassen Sie den Raum und gewinnen Sie mental und räumlich Distanz.


Wie beugt man aggressivem Verhalten bei Demenz vor?

Durch ausreichend Aktivität und Beschäftigung wird Langeweile und Frustration vermieden. Strukturieren Sie den Alltag des Demenzkranken und gehen Sie auf dessen Interessen und Wünsche ein. Ergründen Sie zudem die Ursachen der Aggressionen und versuchen Sie diese zu vermeiden. Ein Facharzt oder eine Beratungsstelle kann im Umgang mit den Begleiterscheinungen der Erkrankung helfen.